„Mit kleinen Projekten können wir keine großen Schritte machen“

„Mit kleinen Projekten können wir keine großen Schritte machen“

Amtsblatt Freiburg

Radserie (Teil 6): Frank Uekermann, Leiter des Garten- und Tiefbauamts, im Interview über Zukunftspläne und Gegenwartsprobleme der Fahrradstadt Freiburg

Im Osten und Süden grüßen die hohen Gipfel des schönen Schwarzwalds, im Nordwesten die weite Rheinebene, dazu noch Sonne satt im ganzen Jahr – kein Wunder, dass die Bobbele kaum von ihren zweirädrigen Begleitern zu trennen sind. Das Fahrrad ist in Freiburg das beliebteste Fortbewegungsmittel, mehr als ein Drittel der Verkehrswege werden damit zurückgelegt. Voraussetzung dafür sind viele und gut ausgebaute Radwege. Dafür verantwortlich: das Garten- und Tiefbauamt. Wir haben mit dessen Leiter Frank Uekermann über geplante Projekte, Radsicherheit und natürlich die Verkehrswende gesprochen.

Amtsblatt: Die Verkehrswende ist in aller Munde: Machen Bürgerbeteiligungen wie der Radentscheid Ihre Arbeit leichter, weil mehr Geld bereitgestellt wird, oder eher schwerer, weil die Erwartungshaltung wächst? 
Uekermann: Grundsätzlich begrüßen wir solche Initiativen. Der Radentscheid hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Finanzmittel mehr geworden sind, und wir finden es auch sehr gut, wenn sich die Bürgerinnen und Bürger für unsere Arbeit interessieren. Natürlich müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen, und das Thema wird stärker eingefordert. Das ist aber kein Schaden, weil wir die gleiche Zielrichtung haben. Der stärkere Fokus bietet uns mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Im Fazit sehe ich das sehr positiv.

Wie viel Geld haben Sie für das Thema Radverkehr zur Verfügung? Und ist das aus Ihrer Sicht genug, oder sogar zu viel?
Im Doppelhaushalt 2021/2022 haben wir etwa zwölf Millionen Euro zur Verfügung. Das ist schon einiges: Als ich 2008 als Leiter des Garten- und Tiefbauamts angefangen habe, hatten wir 150.000 Euro in der Radpauschale. Die nächsten Jahre waren es dann 450.000 Euro. So eine Summe wie jetzt hatten wir noch nie – und es gibt schon konkrete Vorstellungen dafür: Wir planen einen richtigen Radsommer, wollen unser Personal stärken und viel bauen. Der Fokus geht dabei ganz stark in Richtung Umsetzung. Der Wunsch der Bürgerschaft ist ganz eindeutig, dass jetzt etwas passiert. Damit merken die Initiatorinnen und Initiatoren des Radentscheids auch, dass das Geld tatsächlich auf der Straße landet. Natürlich muss das noch mit dem Baudezernenten, der Politik und unseren Radgruppen rückgekoppelt werden.

Welche Projekte sind denn konkret geplant?
Wir haben zwei Leuchtturmprojekte: Das größte ist die Friedhofstraße. Die bringt auch einen wirklichen Mehrwert. Die Unterschiede vorher und nachher wird man auf jeden Fall sehen. Dann haben wir natürlich das wichtige Projekt hinter der Uniklinik, den FR2. Zukünftig kann man ent- lang der Bahnböschung weiterfahren, anstatt durch das Klinikgelände. Das ist unser letztes großes Nadelöhr auf dem FR2 – gerade im Hinblick auf die Pendler. Immer wenn wir solche Engpässe beheben, gehen auch die Radfahrerzahlen hoch. Dann kann man vom Güterbahnareal bis nach St. Georgen durchrauschen. Die Uniklinik ist da der letzte große Baustein. Außerdem werden wir auch Bürgerbeteiligungen stärken. Uns schwebt beispielsweise ein Wurzelbehebungsprogramm auf Radwegen vor, wo sich jeder und jede melden kann, wenn Radwege beschädigt sind. Da bekommen die Bürgerinnen und Bürger auch mit, dass etwas für sie getan wird.

Stichwort Friedhofstraße: Manche Fraktionen kritisieren den Bau teurer Radwege. Können Sie das nachvollziehen?
Ich kann nachvollziehen, dass man grundsätzlich erst mal verhalten ist bei großen Bausummen. Aber wenn man sich damit näher beschäftigt, ist es nur eine Frage der Perspektive: Mit kleinen Projekten können wir keine großen Schritte machen. Der Radverkehr stellt schlichtweg den größten Anteil am Verkehr. Wenn große Summen für den Autoverkehr oder den ÖPNV bereitgestellt werden, dann ist das nie ein Problem. Der Radverkehr muss sich aber immer rechtfertigen, weil man daran noch nicht so gewöhnt ist. Aber hat nicht auch der größte Verkehrsanteil das Anrecht auf große Schritte? Am Ende des Tages profitieren alle von dem neuen Radweg am Hauptfriedhof: Der Fußverkehr teilt sich momentan einen schmalen Streifen mit dem Radverkehr. Auch die Autofahrer profitieren: Wenn mehr Menschen auf das Rad steigen, gibt es weniger Staus für Autos. Außerdem wird eine kaputte durch eine neue Straße ersetzt: Da fährt der ÖPNV drauf, da fahren Autos drauf, da fahren Fahrräder drauf.

Sie haben angesprochen, dass Sie das Personal stärken wollen. Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen sich in Zukunft mit dem Thema Radverkehr?
Mit dem letzten Haushaltsentscheid wären es dann sechs Stellen im Fuß- und Radverkehr, verteilt auf Planung und Bauleitung. Bisher haben wir nur zwei Stellen, die nur für den Radver- kehr zuständig sind, alle anderen sind für alles zuständig. In Zukunft haben wir auch einen Techniker, der sich nur um die Radwege kümmert. Das wird nämlich gerne vergessen: Bei 480 Kilometern Radwege läuft der Service meist nur dann, wenn eine Schadensmeldung kommt. Mit einem eigenen Techniker, der sich nur darum kümmert, kann das noch mal eine andere Qualität geben.

Welche Rolle spielt der Radverkehr bei der Verkehrswende?
Der Radverkehr kann bei längeren Strecken viel leisten. Es ist grundsätzlich gut, wenn jede Strecke in der Stadt mit dem Rad gefahren wird. Aber für die Klimabilanz sind die langen Strecken ausschlaggebend. Sprich, wenn ich einmal oder zweimal im Jahr nach Thailand fliege und den Rest des Jahres mit dem Fahrrad fahre, ist das für die Klimabilanz deutlich schädlicher, als wenn ich jeden Tag mit dem Auto zum Bäcker fahre, aber ansonsten lokalen Urlaub mache. Radverkehr kann wirklich etwas leisten bei Pendlerstrecken wie von Emmendingen, von St. Georgen oder von Schallstadt. Wir müssen die Infrastruktur so ausbauen, dass es einen praktischen Nutzen hat, und damit die Leute abholen. Die müssen mit dem E-Bike oder Fahrrad schneller in der Stadt sein als mit dem Auto.

Daran anschließend: Der innerstädtische Radverkehrsanteil liegt bereits bei 34 Prozent. Gibt es da überhaupt noch Steigerungspotenzial?
Auf jeden Fall – davon bin ich völlig überzeugt. Je mehr das Thema in den Köpfen ist und je mehr Fahrradfahren zum Lifestyle oder zum Identifikationsmerkmal wird, umso leichter wird es. Die Traumvorstellung ist ja schon, dass in der Innenstadt nur noch Menschen mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs sind.

An vielen Stellen im Stadtgebiet ist schlicht nicht genug Platz für Autostraße und breite Radwege, zum Beispiel am Schlossbergring. Wie lässt sich dieses Dilemma lösen? 
Technisch ist fast immer alles machbar – aber man muss kompromissbereit sein: Wir haben am Schlossbergring eine Planung, wie wir einen Radstreifen realisieren. Der Autoverkehr bekommt etwas weniger Platz und der Grünstreifen wird angepasst. Aber nochmal, wir müssen kompromissbereit sein. Zum Beispiel: Bei einer ganz langen geraden Strecke – das müssen auch Radfahrer einsehen – ist es nicht so schlimm wenn der Radstreifen mal 2,20 anstatt 2,50 Meter hat wie in einer verwinkelten Gasse mit Gegenverkehr. Das muss zielorientiert und nicht dogmatisch betrachtet werden. Es gibt sonst nämlich drei Möglichkeiten: Häuser entfernen und damit Leute enteignen, Bäume fällen, oder ich mache schlichtweg nichts. Es wird dann immer wieder das Beispiel Holland gebracht. Da gibt es aber drei Streifen mit je 5,50 Breite, dann ist es einfach, da etwas abzukappen. Aber wo gibt es das in Freiburg?

Neben dem Schlossbergring: Gibt es noch andere Stellen, die zurzeit im Fokus stehen?
Ja klar, da haben wir ziemlich viele. Die Komturstraße ist sehr schwierig für den Radverkehr. Aber das ist auch eine Bahnbrücke: Die kann man technisch ausbauen, aber dann wären die zwölf Millionen Budget gleich mal weg. Wo demnächst auch etwas passierend wird, ist der Greiffeneggring. Da haben wir viel zu wenig Platz für die Radfahrer – eine bekannte Engstelle. Und dann haben wir natürlich noch am FR1 bei der Ganterbrauerei eine Engstelle. Da gibt es eine mittelfristige Planung.

Thema Sicherheit: Es gab in den letzten Jahren mehrere schwere oder gar tödliche Fahrradunfälle. Wie steht Freiburg im Vergleich zu anderen Städten da?
Schlecht. Das ist uns bewusst. Wir haben leider sehr hohe Radunfallzahlen. Deshalb haben wir vor ein paar Jahren ein Gutachten in Auftrag gegeben und vieles davon umgesetzt. Aber da hoffen wir auf den Schub, den wir jetzt durch den Haushalt haben: Unser Paket setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen. Einerseits, dass wir mehr Infrastruktur bilden, aber auch, dass wir die bestehende Infrastruktur sicherer und komfortabler machen. Je mehr Radverkehr im Straßenraum dominant ist, umso klarer wird es für alle anderen Verkehrsteilnehmer, dass man auf das Fahrrad Rücksicht nehmen muss. Dem Freiburger Autofahrer ist es zwar sehr bewusst, dass der Radfahrer da ist. Aber je präsenter das Rad ist, umso sicherer ist es. Der zweite Teil sind tatsächlich die Radfahrer selbst. Und der Freiburger Radfahrer ist ja schon sehr selbstbewusst. Der sollte sich vielleicht ab und zu klar machen, dass die Physik nicht mit den eigenen Vorfahrtsgedanken einhergeht. Vorfahrt hilft einem rechtlich schon, faktisch nicht.

Zum Abschluss noch etwas Persönliches: Sie sind als begeisterter Radfahrer bekannt. Welches Fahrrad fahren Sie gerne?
Insgesamt haben wir grad 17 Fahrräder für vier Personen in der Familie. Mein Lieblingsbike ist momentan mein Enduro, und mit dem fahr ich am meisten die Downhillstrecke „Baden to the Bone“ vom Rosskopf, das ist meine Heimstrecke. Die geht bei jedem Wetter. Zur Arbeit komme ich selbstverständlich auch mit dem Fahrrad. 

Quelle: Amtsblatt Freiburg im Breisgau vom 18. Juni 2021 (pdf)

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